Ein Jahr bei uns im Wald

 

Der Frühling ist die schönste Zeit im Waldkindergarten.

Nach dem langen Winter erwacht der Wald zu neuem Leben, und die Kinder können ihre Schneeanzüge endlich wieder gegen leichtere Sachen tauschen. Was nicht heißt, dass sie sauberer aus dem Wald kommen, denn die Schneeschmelze bringt den so begehrten Matsch. Zum Buddeln und Bauen oder einfach nur um sich darin zu wälzen, bis alle Sachen die gleiche braune Farbe haben. Und das erste Frühstück draußen in der Sonne nach Monaten im Bauwagen ist immer wieder ein großes Ereignis.
Die Fasnet ist das erste Fest, die den Frühling ahnen lassen. Die Kinder verkleiden sich, dekorieren den Bauwagen, feiern zusammen eine bunte Party. Das geht auch ohne geschmückte Räume und tolle Dekorationen – und die Verkleidungen sind abenteuerlich: Hexen, Ritter, Indianer, Eichhörnchen…
Das große Fest des Frühlings aber ist Ostern. Schon einige Wochen vorher beginnen die Vorbereitungen – Eier spielen auch im Waldkindergarten eine große Rolle – es gibt sie hart gekocht, ausgeblasen, angemalt, zum bunten Strauß mit grünen Birkenzweigen dekoriert, als Wand- und Fensterschmuck – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Es sind immer Eltern unter uns, die Tiere halten oder sogar einen ganzen Bauernhof haben. Im Frühling gibt es dort oft Kinderstuben mit Lämmern, Kälbern, Küken und kleinen Hasen. Die Kinder lieben diese Ausflüge und zeigen viel Zuneigung zu den tierischen Altersgenossen.
Wenn die Temperaturen milder werden, beginnt die Zeit der Ausflüge und Entdeckungswanderungen. Zur Ölbergkapelle bei Ehrenkirchen, zur Grotte, zu den Höhlen. Die Wiesen und der Wald werden immer grüner, auf den Wiesen wachsen die ersten Blumen. T-Shirts statt gefütterter Matschhose, Frühstück im Freien, Spielen im trockenen Wald. Doch manchmal ist es auch noch neblig am Morgen, die Wolken liegen auf der Erde, der Tag ist grau und lädt zum Geschichten-Erzählen und Zuhören im Bauwagen geradezu ein.


Der Sommer ist die schönste Zeit im Waldkindergarten.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, wenn die Kinder sich morgens am Waldspielplatz versammeln – doch unter den Blättern ist es auch an heißen Tagen immer angenehm kühl. Der Wald ist eine wunderbare natürliche Klimaanlage! Die Kinder hören dem Rauschen der Blätter zu, versuchen, Vogelstimmen zu erkennen oder Tierspuren zu lesen. Die letzten Matschlöcher werden zu begehrten Spielorten. Auf dem Gelände am Bauwagen blüht eine Kräuterspirale, und die Weidenhütte treibt wieder aus. Wenn es zu heiß wird, findet sich immer eine Möglichkeit zur Abkühlung – und schneller als man „ihr dürft baden“ sagen kann, haben die Kinder sich ausgezogen und toben im Bach bei der Kapelle.
Es ist auch eine Zeit des Abschieds – denn mit Beginn der Sommerferien verlassen die Schulanfänger ihre vertraute Umgebung. Viele haben zwei oder drei Jahre hier verbracht, die Hälfte ihres Lebens, sie sind jeden Morgen mit Freude und Spannung in den Waldkindergarten gekommen und sind mittags erschöpft und glücklich wieder heimgekehrt, um von ihren Abenteuern beim Klettern, Basteln oder Spielen zu berichten. Nun heißt es, sich von vielen Freunden zu verabschieden – das geht ohne Tränen, aber nie ohne Spektakel ab.
Die Schulanfänger bestreiten den letzten Tag des Kindergartenjahres, üben Theaterstücke oder kleine Sketche ein, werden zu Indianern, Räubern oder Clowns. Einige Wochen vor der Verabschiedung übernachten die „Großen“ zusammen mit den Erzieherinnen im oder am Bauwagen. Sie machen eine Nachtwanderung, hören die Geräusche des dunklen Waldes, gruseln sich (aber nur ein bisschen) – und schlafen spät ein.
Am nächsten Tag wird erst einmal ausführlich gefrühstückt, dann kommen Eltern, Geschwister und Freunde um zu bestaunen, was die Schulanfänger eingeübt haben. Betrübte Gesichter sieht man bei den Kindern nicht – aber für die Eltern geht eine Zeit zu Ende, und niemand kann leugnen, dass diese Zeit auch sie geprägt hat.


Der Herbst ist die schönste Zeit im Waldkindergarten.

Nach den Ferien kommen neue Kinder, neue Freundschaften werden geschlossen. Im September und Oktober sind die Temperaturen oft noch mild – eine willkommene Verlängerung des Sommers mit viel Spielen auf der Wiese am Bauwagen oder am Waldschloss. Doch die Tage werden auch kürzer, am Morgen liegen oft schon Nebelschwaden über dem Wald. Der wird zusehends bunter. Die Kinder registrieren die Veränderungen und beginnen mit dem Sammeln: Blätter, Kastanien, Eicheln und Bucheckern – alles begehrte Bastelobjekte. Aber Blätter sind ja auch noch für etwas anderes gut: Man kann herrliche Laubhaufen zusammentragen, sich darin einkuscheln und verstecken, man kann Schlachten schlagen und Rennbahnen durch die trockenen Blätter ziehen.
Ausflüge gibt es auch zu dieser Jahreszeit – zum Mundenhof in Freiburg etwa oder auf die Staufener Burg. Kostbar gekleidete Freifräuleins und edle Ritter, mit Gesinde im Gefolge, stürmen dann die Festung. Die Kinder hören Geschichten von Gelagen und Festen, von Eroberungen und Brandschatzungen und machten sich Gedanken, was man wohl alles anstellen könnte mit der Ruine. Ein mittelalterliches Mahl – manchmal mit Fleisch über dem Feuer - beendet den Tag auf der Burg Staufen – gegessen wird nach alter Sitte natürlich mit den Fingern. Für die Zerstörungen am Gebäude sind übrigens nur die Schweden und der Zahn der Zeit verantwortlich – beim Besuch der Haselmäuse bleibt jeder Stein an seinem Platz. Versprochen!
Erntedank feiern die Kinder gemeinsam mit Eltern und Geschwistern bei einer heißen Suppe. Die Grundlagen dafür, Kürbisse oder anderes Gemüse, besorgen sich die Kinder beim Bauern, der sie zum Besuch einlädt, oder bringen es von zuhaus mit. Alles zusammengerührt ergibt ein erstaunlicherweise sehr wohlschmeckendes Mahl !
Dann ist es auch schon Zeit für die Laternen. Der Martinsumzug wird wie alle Feste lang im voraus geplant – sogar Kasper und Seppl tragen in ihren wöchentlichen Auftritten mit dazu bei, dass die Kinder vom Sankt Martin und seinen guten Taten erfahren. Der Umzug mit den brennenden Laternen Mitte November ist einer der stimmungsvollsten Momente und auch für die wildesten Kinder Gelegenheit, in Ruhe ihr Licht durch den dunklen Tann zu tragen. An den „Haltestellen“, die die Kinder von ihren täglichen Wegen kennen, singen sie Lieder von dem Licht, das die dunkle Zeit erhellt, und von Martin, der seinen Mantel teilt (was man ja auch mit dem Frühstücksbrot tun könnte…) . Höhepunkt ist die Verteilung der selbstgebackenen Brötchen – und die Erzieherinnen sorgen dafür, dass massenhaft gebacken wird – denn der Hunger auf die kleinen Dinger ist fast unersättlich.


Der Winter ist die schönste Zeit im Waldkindergarten.

Nicht immer mit angenehmen Temperaturen, aber dafür gibt es ja den geheizten Bauwagen. Nur muss es schon arg kalt und ungemütlich werden, um die abgehärteten Haselmäuse in einen geschlossenen Raum zu treiben. Denn auch in der kalten Jahreszeit heißt das Motto. Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Und die hat keins der Kinder – sie sind ausgerüstet mit hohen Stiefeln, gefütterten Matschhosen, warmen Jacken, wasserdichten Handschuhen und der Lust am Toben draußen bei jedem Wetter.
Manchmal kommt der Schnee schon früh im Dezember. Dann sind Bauwagen und Umgebung wie verzaubert. Schnee legt sich wie eine Decke über die Landschaft, hängt in den Ästen der Bäume und bedeckt die Wiese. Nicht dass die Kinder dafür Augen hätten: Sie interessiert der Rutschfaktor und die Konsistenz der weißen Materie: Lassen sich schon Abfahrten bauen, lassen sich schon Kugeln zu Schneemännern türmen?
Doch gibt es auch Momente der Einkehr – die Adventsspirale zum Beispiel, wenn die Kinder im Gemeindezentrum in Ehrenkirchen durch eine Spirale aus Tannengrün gehen. Lieder singen und ein Licht anzünden – das erste Licht des Advents. Es gibt einen Adventskalender und Adventsgeschichten.
Und dann ist Weihnachten. Eine schöne Bescherung bereiten die Kinder den Tieren des Waldes: Sie sammeln Futter, das sie am letzten Tag vor den Ferien bei einem Spaziergang mit Eltern und Geschwistern auslegen – „damit die Tiere auch ihr Weihnachten haben“.
Schnee ist immer willkommen – wenn er nicht unten am Bauwagen liegt, gehen die Kinder auf die Suche – bis hoch auf den Schauinsland. Der Ausflug auf den fast immer schneesicheren Freiburger Hausberg lässt sich keiner so leicht entgehen – und fast immer sind eine ganze Menge Eltern mit dabei. Die haben beim Schlittenfahren in Hofsgrund fast mehr Spaß als die Kinder.


Ein Jahr im Wald – immer gleich und doch immer so verschieden.